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NADINE KAMMERLANDER: MAN MUSS ÜBER ERWARTUNGSHALTUNGEN SPRECHEN

Prof. Dr. Nadine Kammerlander ist Inhaberin des Lehrstuhls für Familienunternehmen am Institut für Familienunternehmen und Mittelstand der WHU. Die diplomierte Physikerin und promovierte Betriebswissenschaftlerin arbeitete vor ihrer wissenschaftlichen Karriere als Beraterin für große internationale Unternehmen. Ihre Forschung beschäftigt sich mit den Themen Innovation, Mitarbeiter und Governance in Familienunternehmen und Family Offices.

Liebe Nadine, deine wissenschaftliche Arbeit ist sehr praxisorientiert. Gibt es bereits Studien über die Zusammenarbeit von Startups mit Mittelständlern im Bereich der Familienunternehmen?

Nadine Kammerlander: Die Zusammenarbeit zwischen Startups und Familienunternehmen läuft zwar immer besser, doch es könnte noch auf einem deutlich intensiveren Niveau geschehen. Gerade was das Thema Digitalisierung anbetrifft, wird zurzeit Vieles verschlafen. Mein Institut hat letztes Jahr eine Studie veröffentlicht, in der wir mehr als 1500 Mittelständler befragt haben. Darunter viele Familienunternehmen.

Und das Ergebnis hat gezeigt, das weiterentwickelte Technologie oder Zukunftstechnologie nur bei einem kleinen Prozentsatz aller Unternehmen ankam. Wir sprechen hier von künstlicher Intelligenz, Cloud Computing, Big Data und so weiter. Der Rest nutzt das einfach noch nicht. Und dafür gibt es gute Gründe. Man möchte beispielsweise das Kerngeschäft nicht in Gefahr bringen. Man kennt sich mit den Geschäftsmodellen nicht aus.

„Gerade bei Zukunftstechnologien macht die Zusammenarbeit von Familienunternehmen mit Startups Sinn.“

Aber gerade hier macht die Zusammenarbeit mit Startups Sinn. Denn diese können die aktuellen Probleme in Bezug auf Digitalisierung und Zukunftstechnologien lösen.
Unsere Studie zeigt Beispiele, bei denen diese Zusammenarbeit in der Vergangenheit extrem gut funktioniert hat. Beispielsweise bei Falkensteiner Hotels, die für ihre Hotel-Software mit Startups zusammengearbeitet haben. Oder der Spielzeughersteller Haba, der jetzt in der Homeschooling-Zeit mit den Haba Digital Boxen sehr erfolgreich ist. Diese entstanden auch aus einer Startup-Kooperation.

Auf der anderen Seite sehen wir auch, dass es noch einige Schwierigkeiten und Herausforderungen gibt, denen sich sowohl Startups als auch Familienunternehmen stellen müssen, damit die Kooperation in der Zukunft wirklich ein Erfolgsmodell wird.

Was kann helfen, die Kooperation von Startups und Familienunternehmen zu fördern?

Nadine Kammerlander: Wir brauchen zunächst einmal die Awareness und genau dafür sind Veranstaltungen wie THE GROW sehr gut. Wir brauchen auf der anderen Seite aber auch ein Umdenken. Sowohl vom Mittelstand, von Familienunternehmen, als auch von den Startups. Bei einer unserer Veranstaltungen hat sich gezeigt, dass viele Startups gar nicht wissen, wen sie bei Familienunter- nehmen ansprechen sollen. Denn es gibt oft nicht die eine Person für Außenkontakte. Viele Gründer zögern, die Inhaber direkt anzuschreiben. Ein Signal des Mittelstandes, das zeigt: so könnt ihr euch an uns wenden, das würde vielen Startups sehr helfen.

„Viele Mittelständler haben die Sorge, dass Startups nur auf einen schnellen Exit aus sind.“

Für die Startups ist mein Hinweis, auf Gemeinsamkeiten zu pochen. Viele Mittelständler haben die Sorge, dass die Startups nur auf den schnellen Exit aus sind und sich über die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells keine Gedanken machen. Hier müssen wiederum die Startups signalisieren, dass sie auch Unternehmer sind, die am nachhaltigen Erfolg des Unternehmens interessiert sind. Und zu guter Letzt auch noch das Thema Erwartungen. Diese müssen von vornherein klar sein. Viele Kooperationen scheitern am Ende deswegen, weil die Startups andere Erwartungen haben als die Familien- unternehmen und über diese Erwartungen im Vorfeld niemals gesprochen wurde.

Würden die meisten Familienunternehmer nicht mit Startups zusammenarbeiten, die auf einen schnellen Exit aus sind?

Nadine Kammerlander: In vielen Fällen ist das richtig. Es gibt aber auch Probleme, die sich genau durch so ein Startup lösen lassen. Ob langfristige Beteiligung oder kurzfristiges Projekt – da ist alles möglich. Aber man muss vorher darüber sprechen und auch ausloten, ob das im beiderseitigen Interesse ist. Ich glaube, dass mehr miteinander sprechen ein ganz wichtiger Punkt ist.

Welche Rolle kann hier die Wissenschaft übernehmen?

Nadine Kammerlander: Der Großteil der BWL an Universitäten ist immer noch auf die großen Corporates ausgerichtet. Auf börsennotierte Unternehmen. Erst in den letzten Jahrzehnten haben sich andere Strömungen herausgearbeitet, vor allem im Startup Bereich, aber auch im Bereich Mittelstand und Familienunternehmen. Doch wir sprechen noch viel zu selten miteinander.

Wir haben jetzt beispielsweise einen Kurs, der nennt sich Value Creation in Family Firms, wo wir solche Startup-Ideen auch in Familienunter- nehmen bringen. Und da sehen wir, wie so eine Kommunikation, wenn sie denn angeregt wird, die ersten Schritte für die Zukunft legen kann. Und deswegen glaube ich, dass wir auch in der deutschen Hochschullandschaft viel mehr Kommunikation benötigen und das Zusammenbringen von Mittelstand auf der einen Seite und Startups auf der anderen Seite stärker verfolgen müssen.

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